Ein neues Verständnis von Körper und Geist

[Ein Kommentar zum Artikel „Wo bleibt der disruptive Wandel?“, erschienen in der Ärzte Zeitung vom 28.12.2016]

Blogbild Psychiatrie und Psychotherapie im Wandel

Keine neuen Medikamente, keine neuen Ideen – kaum eine andere Disziplin tritt derart auf der Stelle wie die Psychiatrie.“ So beginnt der o.g. Artikel. Inhaltlich und fachlich gut geschrieben, war ich doch am Meisten über die Aussagen der dort zitierten, renommierten Fachärzte überrascht. Die Erkenntnis, dass die Psychiatrie bzw. Psychotherapie seit 60 Jahren wenig bis gar keine Fortschritte gemacht hat, ist keine Neue. Das sie aber auf einem großen Kongress in dieser Klarheit ausgesprochen wird, habe ich in dieser Art bisher noch nicht so wahrgenommen. Das abschließende Zitat von Herrn Prof. Dr. Gerhard Gründer „Es ist eine wissenschaftliche Revolution nötig, ein Sprung auf eine neue Verständnisebene von psychischen Krankheiten“, scheint mir als Zusammenfassung des Artikels passend. Ich bin absolut derselben Ansicht, mit dem Einwand, dass diese andere Verständnisebene bereits existiert. Die Revolution hat bereits begonnen, nur findet sie, metaphorisch gesprochen, bisher nur in einigen Nebenstraßen der Geisteswissenschaften statt. Aber warum ist das so?

Das Ego muss sterben

Neue Ideen haben es schwer sich durchzusetzen, weil wir Menschen unsere Gewohnheiten nicht ändern wollen. Das Gewohnte verschafft uns ein Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit, weshalb wir es natürlich aufrecht erhalten und verteidigen wollen … auch wenn sich herausstellt, dass die Gewohnheit auf einem Irrtum beruht. Unser Ego steht uns dabei im Weg, wenn wir zugeben sollen, dass wir uns geirrt haben. Als ich mich bei meiner ersten Reise nach Ecuador mit der Wirkungsweise von Ayahuasca auseinandersetzte, lernte ich, dass die Schamanen sagen, dass ein Ziel dieser Pflanzenmedizin ist, dass wir einmal sterben sollen und zwar nicht physisch, sondern das unser Ego sterben muss. Damit sich die Revolution von den Nebenstraßen ausbreitet, muss das Ego derer sterben, die das Alte verteidigen.

Illusion

Wir streben nach dem Greifbaren. Das gibt uns Sicherheit. Daran ist nichts auszusetzen, aber wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass in einer Welt des ständigen Wandels, das Greifbare auch verschwinden kann. Finden wir also Sicherheit im greifbar, materiellen Außen, so finden wir damit auch die Vergänglichkeit. Geld nimmt hier bspw. eine zentrale Stellung ein. Wir haben gelernt, dass Geld uns ein ultimatives Gefühl der Sicherheit beschert. Deshalb versuchen wir immer mehr davon zu bekommen, auch weil wir wissen, dass wir alles oder einen Teil davon wieder verlieren können. Und wenn wir daran denken, dass das Geld morgen weg sein könnte, empfinden wir sofort ein Gefühl der Angst. Es ist also nicht das Geld (also die Materie), was für das Gefühl der Sicherheit verantwortlich ist, sondern unser Denken, unsere Überzeugung über das Geld.

Ein anderes Beispiel sind sog. wissenschaftliche Studien oder Untersuchungen. Wird eine Studie zitiert, vermittelt uns das Sicherheit und Orientierung. Deshalb stellen wir Studien und Untersuchungen auch nur dann in Frage, wenn sie unserer gegenwärtigen Lebensphilosophie widersprechen. Dann suchen wir nach einer anderen Studie, die unsere subjektive Überzeugung bestätigt und alles ist wieder in Ordnung bzw. in Sicherheit. Deswegen gibt es auch keine Notwendigkeit für Veränderungen im Denken. Sollte nun jemand eine unserer subjektiven Überzeugungen in Frage stellen, so genügt es häufig eine Studie oder Untersuchung zu zitieren, um die lästigen Argumente des Anderen zu entkräften.

Provokativ gesagt: Das Anführen von Studienergebnissen sind Totschlagsargumente, um seine eigene Komfortzone nicht verlassen zu müssen und in einer illusionären Welt ohne Wandel weiterleben zu können. Diese Art des Denkens verhindert natürlich eine Ausweitung der Revolution bzw. den Sprung auf eine neue Verständnisebene.

Interdisziplinäres Verständnis des Ganzen

Die Wissenschaft ist wie ein Haus mit vielen Räumen. In jedem Raum „wohnt“ ein Teilbereich. Da finden wir einen Raum der Physik, der Chemie, der Biologie, der Religion usw.. Und natürlich finden wir dort auch einen Raum der Psychiatrie und Psychotherapie. Das Problem in diesem Haus der Wissenschaft ist, dass die Menschen ihre Räume nicht verlassen, um bspw. einmal zu schauen, was in den anderen Räumen so los ist. Was passiert, wenn wir dies aber tun, können wir von der Quantenphysik lernen, z.b. im Buch „Vom Werden zum Sein“, in welchem die Dialoge zwischen David Bohm, einem US-amerikanischem Quantenphysiker und Jiddu Krishnamurti, einem indischen Philosophen, beschrieben sind (http://www.jkrishnamurti.de/WerdenSein-WzS.257.0.html).

Würde die Psychologie sich bspw. der Ergebnisse der Quantenphysik bedienen und wäre dieser Schritt auch allg. wissenschaftlich anerkannt, so behaupte ich, wäre nicht nur der ‚Sprung auf eine neue Verständnisebene von psychischen Krankheiten’ bereits geschehen. Wir hätten auch bereits ein vollkommen neues und erweitertes Verständnis von Körper und Geist, was u.a. einen effektiveren Umgang mit Psychopharmaka und auch mit Verfahren der Psychotherapie bedeuten würde.

Solange wir die jahrzehntealten immer gleichen (Mess)Standards verwenden, um festzulegen, ob etwas funktioniert oder sinnvoll ist, beschneiden wir unsere Möglichkeiten dramatisch. Das gilt nicht nur für die Psychiatrie und Psychotherapie, sondern für die gesamte Medizin und natürlich auch für alle anderen Bereiche des Lebens.

2 Antworten
  1. Michael Bauer
    Michael Bauer says:

    Ja, der Mensch ist wohl geneigt sich in gewissen Dingen selbst zu limitieren. Das Potential jedoch ist gewaltig. Mittels Hypnose kann gut an bestehenden Denk- bzw. Verhaltensmustern gearbeitet werden.

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  2. Hanfried John
    Hanfried John says:

    Es ist wohl so – wer die Relativitätstheorie nicht versteht und mit Quantenphysik nichts am Hut hat, der kann nicht über seinen eigenen Tellerrand hinaus denken. Schön wäre es, wenn sich in diesem Haus der Wissenschaften mal alle in der Kantine treffen könnten. Früher kam diese Aufgabe der Philosophie zu, aber heute wohnt sie wohl im letzten Zimmer.
    Vielen Dank für den Aufsatz.

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